Mai 10 MAY 2021

Kalt in der Hood ..

Annekatrin Nowotny


Sie haben auf ihre Freunde verzichtet, auf durchtanzte Nächte, Abschlussfeiern, Ausgleich durch Sport mit Freunden, den ersten Kuss und sogar ihren Anspruch auf Bildung.

Die zukünftigen Lenker unseres Landes, unsere Kids und Teens, wurden ausgestattet mit elektronischen Geräten, unbegrenztem Datenvolumen und einer enormen Unsicherheit in ihrem jungen, bisher verlässlichen, Alltag. Ohne Lobby oder psychosoziale Unterstützung. Erstere ist nicht vorhanden, letzteres ausgebucht.

Die Mehrheit der Jugendlichen haben sich verantwortungsbewusst und diszipliniert an die ihnen auferlegten massiven Restriktionen und Einschränkungen gehalten. Und das für einen großen Anteil an Zeit, im Verhältnis zur Dauer ihres bisherigen Lebens. 

Und sie haben das in erster Linie nicht für sich selbst getan, sondern für die Älteren und Vorerkrankten. Zum Schutz und zum Lebenserhalt vulnerabler Gruppen haben sie zurückgesteckt. Auf Kosten ihrer eigenen mentalen Gesundheit. Die in jungem Alter besonders wichtigen sozialen Kontakte, sind fast vollends versiegt. Die Auswirkungen auf die Psyche der Kids enorm und nachhaltig. Die COPSY-Studie des UKE Hamburg belegt, dass durch die außergewöhnliche psychische Belastung in der Pandemie, jedes dritte Kind auffällig ist.


Nochmal zum Thema ‚Lobby‘

„Heute erreichte uns die Nachricht des Schulamts, dass bei weiterhin sinkenden Inzidenzzahlen von einer Wiederkehr der Schülerinnen und Schüler im Wechselmodell am Montag, den 10.5.21 ausgegangen werden kann.“ Der Rest des Briefes befasst sich nahezu ausschließlich mit den noch zu erbringenden dringenden Leistungsnachweisen und dem Aufholen des Lernstoffes. Und, dies sei erwähnt, dem Ausblick auf eine Klassenleiterstunde. Wir gönnen also unseren Kids zumindest mal einen 45minütigen Austausch. Oder ist es doch nur die Erklärung zur ordnungsgemäßen Durchführung der Selbsttests. Keine Doppelstunde, kein 1/2 Tag, nein, ganze 45 Minuten werden als ausreichend empfunden und investiert, um die erste wirklich persönliche Verbindung zu den Kids wiederherzustellen und sie dort abzuholen, wo sie gerade sind. Ist es denn überhaupt möglich, in 45 Minuten als Pädagoge Einblick in die Verfassung von ca. 25 Schülerinnen und Schülern zu erhalten? Ich behaupte, nein. Und, was viel schlimmer ist, es wird offenbar noch nicht mal als nötig befunden oder ist eben gar nicht erwünscht. Nicht ein simpler Schultag wird investiert, an dem es nur um die Wertschätzung ihrer selbst und vielleicht auch die, der Klassenlehrer*innen geht. Um zum Beispiel zu erfahren, wie sie alle die letzten Monate verbracht haben? Was ihnen schwer- oder leichtfiel? Ob sie Erkrankte in der Familie hatten oder gar jemand aus ihrer Familie verstorben ist. Ob und welche Strategien sie für sich entwickeln konnten, weitestgehend isoliert zu leben. Was ihnen gutgetan hat oder welche schweren Momente es vielleicht zu Hause gab?


Bongzimmer?

Das Kultusministerium hat es bis heute nicht für nötig befunden, die Lehrpläne zu verändern. Von daher sind die Schulen und Lehrkräfte nach wie vor unter massivem Druck und verpflichtet, den aus den Jahren 2016/2017 stammenden Lehrplan, ordnungsgemäß umzusetzen und auf Biegen und Brechen sicherzustellen, dass die Wissensvermittlung erfolgt. Wenn jetzt in den Medien davon gesprochen wird, dass Lehrinhalte aufgeholt werden sollen, so frage ich mich, wann und ob bei dieser Formulierung eigentlich wirklich jemand gedacht hat? Wir sprechen nicht von einem neuen Release, welches es in Maschinen einzuspielen gilt, sondern von jungen Menschen, die mitunter am Rande ihrer Belastungsgrenze in die Schulen zurück gehen. Wer holt jetzt wann, was genau, nach? Und wie bzw. auf Kosten von wem?


Freiheiten für Geimpfte – Euer Ernst?

Ich frage mich, wer nun noch ernsthaft daran glaubt, dass genau diejenigen, denen das Virus am wenigsten anhaben kann, lautlos akzeptieren werden, die Verlierer zu bleiben. Während Geimpfte wieder die ersten Schritte in ihre alte Freiheit gehen, bald Restaurants besuchen können, in Geschäften einkaufen und verreisen. Wer glaubt wirklich, dass unsere Kids weiterhin verständnisvoll und geduldig zu Hause bleiben und abwarten werden? Ich verstehe die Widerherstellung der Grundrechte Geimpfter, aber hätte es nicht noch ein paar wenige Wochen ausgereicht, sich als Geimpfter ohnehin schon privilegiert fühlen zu können? Wollen wir wirklich, dass junge Menschen nicht nur in der Impfreihenfolge das Schlusslicht bilden, sondern auch ihre Grundrechte hinten anstellen? 

Und Ihr wisst schon, dass sie eines Tages unsere Renten bezahlen und uns pflegen sollen...?


Auszug aus der UN-Kinderrechtskonvention

Der Deutsche Bundestag hat der Kinderrechtskonvention mit Gesetz vom 17. Februar 1992 zugestimmt. 

  • Das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung
  • Das Recht auf Gesundheit
  • Das Recht auf Bildung und Ausbildung
  • Das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung
  • Das Recht auf sofortige Hilfe in Katastrophen und Notlagen
  • Das Recht auf Mitsprache

Wo findet noch gleich aktuell die Gleichbehandlung von Kindern statt, der Fokus auf ihre Gesundheit, situationsangepasste, nachhaltige Bildung, die Möglichkeit zum Spiel oder eine sofortige Hilfe und Gehör für ihre Wünsche?


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